Mein Weg zum Profi

Am zweiten sechsten 1997 erblickte ich das erste Tageslicht. Aufgewachsen in einer großen, fürsorgliche, und sport affinen Familie, wurde mir der Sport in die Wiege gelegt.

Meine noch sehr jungen Eltern studierten in Paderborn, während der Großteil meiner Familie im Sauerland lebte. An den Wochenenden hieß es somit immer: Pendeln zwischen Paderborn, der kleinsten Großstadt Deutschlands und Winterberg, einer kleinen Stadt im Herzen des Sauerlands.

In Winterberg lernte ich mit 5 Jahren das Skifahren und feierte auch schon bald meinen ersten Wintersport-Erfolg mit einer Stadtmeisterschaft im Ski-Alpin. In Paderborn hingegen, lernte ich das Basketball spielen.

Ich kann mich noch genau daran erinnern.
Es sind diese typischen Kindheitserinnerungen, die niemals verschwinden werden...

Zu meinem ersten Basketballtraining in der Maspernhalle Paderborn, erschien ich zu spät. Daher bekam der kleine sechsjährige Luis den letzten Ball aus dem Ballnetz. Und dieser Ball war platt.

Die Dribbelübungen waren unmöglich nachzuahmen, denn der Ball klebte bei jedem Dribbelversuch am Boden fest und wollte einfach nicht zu meiner Hand zurückkommen. Nichtsdestotrotz fixte mich der Basketball mehr an als andere Ballsportarten die ich ausprobierte und daher blieb ich ihm bis heute treu.

Im Alter von sechs Jahren begann demnach, wenn man so will, meine sportliche Karriere in zwei komplett unterschiedlichen Sportarten. Mein Großvater zeigte mir den Wintereinzelsport Biathlon, während mein Vater mich zu dem Team/Ball- Sport Basketball begleitete.

Ungefähr zur selben Zeit trennten sich auch meine Eltern. Die Trennung begriff ich als kleiner Junge natürlich nicht so ganz, aber sie lief so friedlich ab, dass ich fast keinen Unterschied in meinem Leben spürte. Ich lebte die Woche über bei meiner Mutter in Paderborn und an den Wochenenden ging es entweder zurück nach Winterberg, oder zu meinem Papa der auch weiterhin in Paderborn lebte.

Die Wochenenden im Sauerland, verbrachte ich nicht nur mit dem Skifahren, sondern lernte auch das Skilaufen und das Schießen. Die Wintersportart, welche diese Beiden Disziplinen mit einander kombinert, heißt Biathlon. Schon bald stellte sich heraus, dass ich darin sehr begabt sein sollte und fast jedes Jahr die Westdeutsche Meisterschaft gewann, obwohl ich nur an den Wochenenden trainieren konnte.

Meine Familie, besonders mein Großvater unterstützte mich dabei, Biathlon neben dem Basketball weiter machen zu können. Nicht selten wurde ich von einem Biathlon Lehrgang zu einem Basketballspiel und sofort wieder zurück zu einem Biathlon Wettkampf gefahren.

Die Doppelbelastung erreichte im Alter von 13 Jahren ihren Höhepunkt.

Ich hatte das Glück, dass meine Schule, das Reismann Gymnasium, eine Sportschule war und mich daher, mit meiner dreifach Belastung (Basketball, Biathlon, Schule), unterstützte. Ich wurde für Basketball und Biathlon Lehrgänge freigestellt und zahlte es mit Engagement und guten schulischen Leistungen zurück.

Durch verschiedene Kaderlehrgänge, im Basketball und Biathlon, hatte ich manchmal bis zu 4 Wochen verpassten Unterricht pro Halbjahr. Meine Fehlstunden häuften sich, doch zum Glück leideten meine schulischen Leistungen nicht darunter. Auf den Biathlon Lehrgängen in Tschechien oder in den Alpen, wurden wir von einem Lehrer unterstützt, der kontrollierte, dass wir neben zwei anstrengenden Trainingseinheiten unsere Hausaufgaben erledigten.

In Paderborn sah mein Alltag ähnlich stressig aus. Ich kam dreimal die Woche erst um halb 4 aus der Schule, erledigte meine Hausaufgaben und musste sofort wieder zum Training.

Doch all das Training zahlte sich schon damals aus. Im Winter 2010/11, gewann ich den Deutschen SchülerCup im Biathlon und war somit der beste Biathlet meines Jahrgangs in Deutschland. Währenddessen lief natürlich noch die Basketball Saison und schon im Sommer gewann ich mit meinem U14-Team die erste Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte für die Paderborn Baskets.

Die Glücksgefühle überstürzten sich! Was für ein Jahr! Doch wie sollte es weitergehen?

Beide Sportarten parallel weiter zu machen war so gut wie unmöglich, denn der Zeitrahmen im Basketball alleine, würde sich mit Lehrgängen der Auswahlmannschaften, sowie der Jugend Basketball Bundesliga verdoppeln. Um Biathlon weiter auf höchstem Niveau betreiben zu können, hätte ich entweder zu meinen Großeltern nach Winterberg, oder in ein Internat nach Bayern oder Thüringen ziehen müssen.

Ich liebte beide Sportarten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich genau deshalb für eine grundlegende sportliche Ausbildung optimal ergänzten.
Basketball, die Teamsportart, die sich vor allem durch Schnelligkeit, Koordination, Ballgefühl und Teamfähigkeit auszeichnet. Und Biathlon, der Einzelsport, geprägt durch die Kombination zwischen Ausdauer, Technik und Präzision beim Schießen.

Ich sollte mich entscheiden, doch ich entschied mich in der darauffolgenden Saison noch einmal beide Sportarten nebeneinander laufen zu lassen. Da die Saisons zur gleichen Zeit im Winter stattfanden, überschneideten sich viele Lehrgänge und Wettkämpfe und führten dazu, dass ich im Biathlon nicht mehr alle Wettkämpfe, geschweige denn Trainings wahrnehmen konnte. Mein Training waren die Wettkämpfe und trotz der äußerst schwierigen Bedingungen, schaffte ich es in der Gesamtwertung noch auf einen guten 4. Platz.

Im Basketball hingegen, lief es noch besser. Ich startete als Point Guard in einem äußerst talentierten Jahrgang in der U16 Jugend Basketball Bundesliga in Paderborn. Ohne Probleme schafften wir es in die Playoffs und gewannen unsere Playoffserien, sodass wir das Top 4 erreichten.
Dort gewannen wir das Halbfinale und trafen im Finale gegen das Team vom FC Bayern München. Nach einem hartem Kampf und einer grandiosen Teamleistung, gewannen wir auch dieses Spiel und wieder einmal durfte ich mich Deutscher Meister nennen.

Nach dieser grandiosen Basketball Saison, fiel mir die Entscheidung, meine Skier an den Nagel zu hängen und mit dem Biathlon aufzuhören, etwas leichter. Ich will mich hiermit auch nochmal bei meiner Familie und vor allem bei meinem Großvater für die endlose Unterstützung bedanken, ohne die es garnicht erst möglich gewesen wäre, Biathlon so lang und erfolgreich zu betreiben.

Ich werde nie das Gefühl vergessen, über die Ziellinie zu fahren, vor lauter Erschöpfung in den Schnee zu fallen und zu wissen, alles gegeben zu haben. Wenn man dazu noch wusste, dass man erfolgreich war und bei der Siegerehrung oben auf dem Treppchen stehen würde, ist es eines der schönsten Gefühle im Leben.
In jedem Wettkampf und in jedem Training, bei dem ich über meine Belastungsgrenze hinaus gegangen bin, bildete sich eine Grundlagenausdauer und vor allem ein Ehrgeiz, welcher mir mein Leben lang erhalten bleiben wird.
Danke Biathlon, dass du mir den Grundstein des Erfolgs gezeigt hast.

Mit vollem Fokus auf den Basketball ging es weiter voran. Ich spielte nun in Paderborn parallel in Jugend und in Herrenteams, sodass ich abends oftmals 4 Stunden hintereinander trainierte. Dazu kamen zwei Athletikeinheiten, und mehrere Individualeinheiten pro Woche, welche ich mir meist in meine Freistunden schob. Außerdem stand zweimal die Woche ein Wurftraining vor der Schule auf dem Programm, sodass ich rückblickend ein wirklich unfassbares Trainingspensum von effektiv 20 Stunden pro Woche abspulte!

Training für Training, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr, immer näher an meinen Traum.

Wenn ihr das jetzt so hört, denkt ihr sicherlich: „Wo war deine Kindheit Luis?“
Elf Monate im Jahre dreht sich fast alles nur um Schule und den Sport. Ich kann euch verstehen, denn sicherlich musste ich auf einige Sachen verzichten, die pubertäre Kinder in dem Alter tun, zum Beispiel: Alleine vor dem Fernseher zu Zocken und zu Faulenzen. (lach)

Nein mal echt, oftmals habe ich nur auf Dinge verzichtet auf die ich hätte eh verzichten können.
Was machen machen Jugendliche heutzutage denn den ganzen Tag?
Alleine vor dem Fernseher oder Computer sitzen und zocken. Ich habe auch gezockt, aber nur mit meinem besten Freund zusammen.

Ich habe täglich das gemacht woran ich Spaß hatte und hatte selten kein Bock auf Training. Ich war jung und voller Energie. Der Spaß am Basketball trug mich zu fast jedem Training. Wenn ich mal weniger Lust hatte, weil ich gerade voll im Gange war meinen Kummpel in Fifa abzuzocken, habe ich an meinen Traum gedacht. „Einmal in die Maspernhalle einzulaufen, meinen Namen auf dem Trikot stehen zu haben und vom Hallensprecher meinen Namen aus den Lautsprecher dröhnen zu hören.“
Um diesem Traum näher zu kommen, gab es nur eine Regel und zwar das elfte Gebot: Verpasse kein einziges Training.

Das Fifaspiel wurde deshalb immer verschoben und wenn ich meine Hausaufgaben noch nicht vor dem Training gemacht habe, dann wurden sie halt nach dem Training gemacht.
Ich hatte nicht viele Freunde außerhalb des Basketballs, doch diese Freundschaften waren stärker als viele andere und werden ein Leben lang bestehen bleiben, denn wir haben uns gegenseitig unterstützt.

Ich würde also eher sagen, dass sich meine Charakterzüge und meine Persönlichkeit, gerade durch den Basketball und den engen Kontakt zu meiner Familie und Freunden, entwickelt haben.

Disziplin, Ehrgeiz, Teamfähigkeit, soziale Kompetenz, Zeitmanagement und vor allem Selbstbewusstsein lehrt der Leistungssport.

Güte, Empathie und Tugendhaftigkeit lehrten mir Familie und Freunde. Und dafür bin ich unendlich dankbar.

Den Traum, in der Halle, in der ich meine ersten Dribbelversuche machte, in der ich jahrelang das Paderborner Team als Zuschauer anfeuerte und in der ich so viele Stunden trainiert habe, zu spielen, nur halt mit 2000 Fans auf der Tribüne. War in der Makroperspektive immer präsent, in der Mirkoperspektive schaute ich von Training zu Training, Tag zu Tag und Spiel zu Spiel.

Während andere Basketballer im Sommer in die „off-season“ gingen, trainierte ich mit der Jugend-Nationalmannschaft für die jährliche Europameisterschaft. Ich spielte eine U16, zwei U18 und eine U20 Europameisterschaft.

Im nach hinein gab es somit keinen anderen Weg, als immer näher an die erste Mannschaft heranzurücken und den Traum vom Basketballprofi zu verwirklichen.

Ich bin gerade 16 geworden, als mein Vater zu mir kam und meinte: „Luis, ich hab mit dem Trainer der Pro-A Mannschaft gesprochen und du sollst nächstes Jahr bei den Profis mit trainieren.“  
Ich bin fast vom Hocker geflogen und konnte es kaum glauben.

Einige Monate später, trainierte ich also fleißig bei den Profis mit und musste anfangs noch sehr viel Leergeld zahlen. An einem Freitagabend, nachdem Training, kam mein Trainer Martin Krüger zu mir und meinte: „Luis, Du bist morgen im Kader.“ „Oh mein Gott, waaaas“ dachte ich. Mein Traum wird war. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen und am nächsten Tag, als ich das Trikot anzog, und mich aufwärmte war ich so voller Adrenalin, dass ich auf einmal Dunks auspackte, die ich sonst noch nie geschafft hatte.

Der Moment war gekommen. Die Halle wird dunkel und nur die einige Scheinwerfer und die künstlichen Flammen leuchten auf. Wir Spieler verschwinden hinter die Kulisse und hypen uns gegenseitig auf. Alles fühlt sich an wie in Zeitlupe. ich höre mein Herz lauter, als das helle Klatschen der Fans. Die dumpfen Trommelschläge der Fans werden von ACDC Hells Bells untermalt. Erst laufen die Cheerleader ein, dann das Maskottchen. Jetzt sind wir dran. Mein Herz platzt fasst vor lauter Aufregung und Nervosität.
Zwei Spieler laufen noch vor mir ein. Dann Ich.
War das mein Name? Muss ich raus? Oh ja ich muss ja rauslaufen, Beifall kommt auf, bloß nicht hinfallen denke ich mir und laufe viel zu schnell und mal so garnicht cool auf das Spielfeld hinaus. Ich klatsche meine Spieler ab und nach einem weiteren sich komisch anfühlenden Warmup, nehme ich für den Rest des Spiels auf der Bank platzt. Ich hätte vor lauter Nervosität eh nicht spielen können, ganz sicher. Es war ein toller Tag, und ein komisches Gefühl auf der anderen Seite des Spielfelds zu sitzen und am Ende die Fans abzuklatschen, zu denen ich doch auch jahrelang gehörte. An diesem Tag ging mein Kindheitstraum in Erfüllung, mein erster Traum, wie sich später herausstellte.

Wow. Pause. Durchatmen.

In der Saison durfte ich noch öfters mit einlaufen und genoß es jedes Mal. Doch ich wurde immer besser und langsam fing man an, mehr zu wollen, als nur einzulaufen.

Im allerletzten Saisonspiel war es dann so weit. Ich wurde für die letzten 30 Sekunden eingewechselt und bekam sogar noch einen Dreier, den ich aber leider daneben warf. Eine unfassbar tolle und lehrreiche Rookie-Saison ging vorrüber, doch jetzt hatte ich erst richtig Blut geleckt.

Die Pro-A Saison endete mit dem Klassenerhalt und im Sommer gewann ich mit der U18-Nationalmannschaft als jüngerer Jahrgang die B-Europameisterschaft.
Doch nicht nur im Basketball sollte es in der Nächsten Saison höher hinaus gehen. Denn auch meine Schullaufbahn ging in das finale Kapitel.

Uli Nächster wurde neuer Pro-A Coach zog mich komplett in den Pro-A Kader. Ich rückte immer weiter nach vorne in der Rotation, während ich morgens die Schulbank für mein Abitur drückte.
Als 17-jähriger spielte ich dann nicht nur 17 Minuten im Schnitt in der Pro-A, sondern schloss auch mein Abitur mit einer soliden 2,1 ab und machte nebenher noch meinen Führerschein.
Besonders dankbar bin ich für den Dr. Hemmen Preis, welchen ich zusammen mit meinem Abizeugnis verliehen bekommen habe. Er steht für besondere schulische, sportliche wie auch soziale Kompetenzen und darauf bin ich wirklich stolz. Ich habe immer versucht meinen Mitspielern, Schülern und meiner Familie zu helfen und ein guter Mensch zu sein. Deshalb bedanke ich mich für diese Ehrung und auch dafür, dass meine Schule mir die beiden Papiere auf dem Abiball aushändigte, weil ich bei der Zeugnisvergabe, leider auf einem Lehrgang war. Typisch.

Im gleichen Sommer spielte ich eine weitere Europameisterschaft und bekam meine ersten Profi-Angebote. Ich entschied mich aber dafür noch ein Jahr in Paderborn zu bleiben und dort meine ersten Schritte als echter Vollzeitprofi zu gehen. Neben dem Basketball ermöglichten mir die Baskets noch einen Bundesfreiwilligendienst zu machen, sodass ich auch in die Jugendarbeit des Vereins hineinschnuppern konnte und zum ersten Mal der Basketball-Community etwas zurückgeben konnte.

Im darauffolgenden Jahr wurde ich nicht nur Starter und spielte als 18-jähriger mehr als 24 Minuten im Schnitt, in denen ich 8,1 Punkte machte, sondern wir schafften auch den Klassenerhalt. Ich übte mich gleichzeitig als Trainer und leitete die AG an meiner alten Grundschule, an der ich meinen ersten basketballerischen Erfolg feiern durfte. Damals gewannen wir mit unserer AG die Grundschul-Bezirksmeisterschaften und noch hängen dafür noch heute im Foyer.
Meinem ersten Training in Paderborn, folgten kleine erste Erfolge. Es ging weiter mit mehr Training und es kamen mehr Erfolge hinzu. Gefühlt ging es so immer weiter, von einer Stufe, zur nächsten, bis ich meinen Kindheitstraum erfüllen konnte. Ich danke meiner Familie, meinen Trainern und meinen Lehrer für diese unfassbare Zeit. Der Kreis schloss sich damit, dass ich meiner ehemaligen Grundschule, anderen jungen Spielern und somit der Paderborner Basketball-Community ein ganz klein wenig zurückgeben konnte.

Paderborn und Winterberg werden immer meine Heimat bleiben. Doch jetzt war es Zeit für eine neue Herausforderung. (majestetisch)

Durch meine guten basketballerischen Leistungen, wurden die Basketball Löwen Braunschweig und ihr neuer Trainer, Frank Menz auf mich aufmerksam. Ich überlegte nicht lange und unterschrieb einen dreijährigen Vertrag, um mich in der ersten Liga zu beweisen.
Nach einem weiteren Nationalmannschafts-Sommer, diesmal als jüngerer Jahrgang in der U20, ging es also nach Braunschweig. Zum ersten Mal von zuhause weg, in die Selbstständigkeit.

Kein Hotel Mama mehr und täglich lernte ich etwas Neues. Auf dem Parkett und im Haushalt.
Beides lief auch zunächst wie am Schnürchen. Mein neuer Mitbewohner und ehemaliger Nationalmannschaftskollege Consti Ebert und ich verstanden uns auf Anhieb super und wir meisterten den Haushalt einwandfrei. Außerdem starten wir beide ein Fernstudium, in dem wir uns auch gegenseitig unterstützten.

Auch auf dem Parkett lief es zunächst gut. Nach einer guten Vorbereitung und kämpferischen Kurzeinsätzen, durfte ich in Oldenburg das erste Mal in der ersten Liga von Anfang an spielen. Was für ein krasses Gefühl! Starter in der ersten Liga, dachte ich! Bis in die Haarspitzen vollgepumpt mit Adrenalin, vergas ich komplett meine Schmerzen im rechten Fuß. Diese spürte ich im Laufe der Trainingswoche immer mehr, „doch was sollte denn schon passieren?“, dachte ich. Bis auf zwei kleinere Bänderrisse und einen Muskelfaserriss, blieb ich bis dato in meiner Karriere Verletzungsfrei.

Ich startete also in das Spiel, mit voller Energie und ohne Rücksicht auf Verlust. Also eigentlich alles wie gewohnt hehe… Doch dann kam diese Situation. Nach einem Fehlwurf von uns, reboundete der bullige Oldenburger Spielmacher den Ball und wollte ich nach vorne pushen. Ich nahm ihn sofort auf und versperrte ihm mit der Brust den weg über die Außenlinie. Er pushte mich, doch ich nahm den Kontakt mit einem Ausfallschritt nach hinten auf und klaute gleichzeitig noch den Ball. Doch genau in diesem Moment passierte es.
Ich merke sofort, wie mein rechter Fuß leicht nachgab. Ich stand trotzdem noch, und die Zuschauer fingen lauthals an, einen Foulpfiff zu fordern. Kein Foulpfiff und mit den freien Korb vor Augen, übermannte das Adrenalin den Schmerz und ich nahm den Ball und machte noch einen Korbleger. Der gegnerische Trainer nahm eine Auszeit und als ich vorsichtig zur Bank zurückging, viel mir schon mein Pochen im Fuß auf. Ich probierte es leichtsinniger Weise nach der Auszeit nochmal, doch nach 20 Sekunden musste ich wieder ausgewechselt werden. Das Adrenalin ließ nach und der Schmerz began. Ermüdungsbruch.

Die folgenden drei Monate wurde ich regelmäßig geröngt und ich bekam wöchentlich eine Schmerzhafte Stoßwellentherapie, welche die Knochenheilung antreiben sollte. Zusätzlich hatte ich tägliches Rehatraining sowie Physiobehandlungen. Ich hatte daher mehr zu tun als vorher.
Ich beschäftigte mich etwas mehr mit meiner Ernährung, arbeitete aber hauptsächlich weiter an meiner Kraft. Die Verletzung akzeptierte ich realtiv zügig und ich wusste, dass es keinen Sinn macht sich darüber aufzuregen, geschweige denn andere mit meinem Leid anzustecken. Deshalb war ich bei fast jedem Mannschaftstraining dabei und unterstützte die Mannschaft wo es nur ging. Nach 4 Monaten kehrte ich erst zu 100% in das Mannschaftstraining zurück und es dauerte einige weitere Wochen, bis ich wieder das komplette Vertrauen in meinen Fuß hatte. Zum Ende der Saison erkämpfte ich mir wieder eine Rolle im Team und dann ging es hochmotiviert in die Sommerpause.

In diesem Sommer hatte ich mir viel vorgenommen. Erst reiste ich vier Wochen mit dem Rucksack nach Asien und erkundete Thailand, aber vor allem mich selbst. Es ist eine andere Form der Freiheit, in den Tag hineinzuleben und ohne festes Ziel ein fremdes Land zu erkunden. Ich machte einen Tauchschein auf Ko Tao, bereiste viele andere Inseln und machte große Sprünge nach vorne in meiner Persönlichkeitsentwicklung. Die vier Wochen in Thailand waren mit vielen Höhen und Tiefen verbunden, doch genau das macht für mich das Reisen aus. Aus der Komfortzone raus zu gehen, um sich selbst besser kennenzulernen. Das Reisefieber hatte mich seitdem gepackt.

Mein Plan war es, nach der Reise 10 Tage lang in Paderborn zu trainieren, bevor es mit der Nationalmannschaft in die Vorbereitung auf die Europameisterschaft gehen sollte.

Doch drei Tage vor der Abreise, zog ich mir in einer unglücklichen Situation, in der ich nur meine Fußkante belastete, im Training einen weiteren Bruch im anderen Fuß zu.
Diagnose: Jones-fraktur, links. Wieder 12 Wochen, mindestens. Wie bitter.

Ich musste natürlich der Nationalmannschaft absagen, hatte aber zumindest 10 Wochen Zeit, bevor die Vorbereitung auf die neue Saison beginnen sollte. Meine Ärtze und ich entschieden uns gegen eine Operation und wiederum hieß es Reha, Physio, Krafttraining, tagein, tagaus. Diesmal aber in Paderborn. Ich dachte mir wieder, aber dieses Mal etwas bewusster: „okay Luis, was kannst du machen um stärker aus deiner Verletzung zurückzukommen und vorallem was machst du präventiv um weitere Verletzungen vorzubeugen?“
Ich lernte neues über meine Ernährung und strich einige Lebensmittel, Süßigkeiten und verzichtete am Abend auf Kohlenhydrate. Die Kombination der neuen „Diät“ mit dem täglichen Reha und Krafttraining brachte mir nicht nur neue und effektivere Muskelmasse, sondern reduzierte auch meinen Fettanteil um weitere 3 %. Ich hielt daher mein Gewicht, kam aber physisch stärker aus der Verletzung zurück. 97,5 Kilogramm, 8 Prozent Fett.
Um auch mental stärker aus der Verletzung herauszukommen, las ich dutzende Bücher und fuchste mich in einige interessante Themen des finanziellen Wissens ein. Mein Fernstudium lief weiterhin nebenbei und somit kann ich sagen, dass ich auch aus meiner zweiten Verletzung viel gelernt und mitgenommen habe. Der aber wichtigste Punkt war die gewonnen mentale Reife. Reife, gewissenhafter mit meinem Körper umzugehen und auf ihn zu hören.

Ich stieß nur einige Wochen später als meine Teamkollegen zur Vorbereitung hinzu und war bereit, wieder voll anzugreifen. Ein neuer, stärkerer und reiferer Luis stand auf dem Parkett.
Ich erkämpfte mir immer mehr Minuten in der BBL und alles lief wieder soweit nach Plan. Ich spielte allerdings noch nicht so viel BBL, als dass ich nicht hätte ProB spielen können und somit half ich am sechsten Spieltag in der ProB aus.

Ich kam gut ins Spiel traf einen Dreier und machte einen Korbleger. Beim nächsten Fastbreak attackierte ich meinen Mitspieler über die Mitte, doch dieser stand im komplett falschen Winkel zu mir, sodass ich mitten auf seinen Fuß getreten bin und komplett weggeknickt bin.
Mein Sprunggelenk schmerzt fast gar nicht, doch da ist wieder der gleiche Schmerz an der gleichen Stelle wie bei meiner vorherigen Verletzung im Sommer. Durch die Fremdeinwirkung war es eine komplett unterschiedliche Situation, doch die gleiche Diagnose: „Erneute Jonesfraktur, nur ist der Bruch einen Zentimeter distaler gelegen, sprich näher am Zeh. Dieses Mal sollten wir operieren.“, sagte der Arzt. Daraufhin fragte ich: „Warum ist der Bruch nicht an der gleichen Stelle nochmal gebrochen?“ Der Doc antwortete: „Weil ein Bruch niemals zweimal an der gleichen Stelle bricht.“


Zum Glück habe ich viele Philosophie und Mindset Bücher in mich aufgesogen, sodass ich auch diesen Schicksalsschlag schon nach einigen Tagen halbwegs akzeptiert habe und nach vorne schauen konnte. Que sera, sera, what will be, will be, oder anders gesagt: Shit happens. Es liegt nur an dir wie du mit der Situation umgehst.

Entweder du siehst in ihr eine Möglichkeit, an der du als Mensch weiterwachsen kannst, oder du steckst deinen Kopf in den Sand jammerst.
Ich habe mir selbst versprochen, dass ich mich immer, wirklich immer für die erste Möglichkeit entscheiden werde und zwar zu kämpfen, um das bestmögliche aus jeder Situation zu machen.


Egal in welcher Situation wir uns befinden, eines können wir immer kontrollieren: Unseren Verstand.
Und wenn wir unseren Verstand trainieren indem wir einmal eine schwierige Situation gemeistert haben, wird dieser dadurch umso stärker und wir sind für nächste schwierige Situation besser gewappnet.
Es ist ähnlich wie mit einem Knochen. Wieso bricht dieser niemals zweimal an der gleichen Stelle? Er bildet sich nämlich genau dort viel stärker zurück als zuvor.

Ich ließ mich also operieren, und durchlief dieses Mal wieder das komplette Reha Programm. Der Knoch heilte durch dir Titanschraube und eine weitere Stoßwellentherapie schneller als zuvor. Um wiederum auch kognitiv einige Schritte nach vorne zu machen, brachte ich mir per App die Grundkenntnisse in Spanisch bei und versuchte jede Woche ein Buch zu lesen.
Ich reduzierte weiter mein Gewicht weiter und effektivierte meine Muskeln dadurch stark.

Seit meinem Comeback fühle ich mich so stark wie noch nie. Ich hab an Sprungkraft und Explosivität zugelegt und bin gleichzeitig schneller und agiler geworden. Dafür bin ich nicht mehr so stark im Oberkörper wie früher, aber als Guard/Flügelspieler bringt diese Stärke ab einem gewissen Punkt einfach nichts mehr. Sie führt meist nur zu mehr Fouls, macht langsamer und ist grundsätzlich dadurch uneffektiver für den Basketball.

Ich kämpfte ich mich zum Ende der Saison zurück in die Rotation und musste aber bis zum allerletzten Saisonspiel warten, bis der Knoten endlich platzte. Und sich die ganze harte Arbeit auszahlte. Mit 12 Punkte und 3/3 Dreiern und einem Derbysieg gegen Göttingen, beendeten wir die Saison auf dem starken 12. Platz und überraschten somit die gesamte Liga.

Was für ein Abschluss und was für eine Belohnung für den harten Fight durch die Verletzungen.
Zum Glück habe ich angefangen Sachen zu filmen und konnte genau diesen Moment auffangen. Das werden Momente für die Ewigkeit sein.

Die Saison endete im Guten und schon eine Woche später saß ich alleine im Flieger Richtung Südamerika. Wie gesagt, dass Reisefieber hat mich gepackt und in diesem Sommer wollte ich meine neu gewonnenen spanisch Kenntnisse ausprobieren und Südamerika erkunden.

Ich meinen Hinflug nach Lima in Peru gebucht und meinen Rückflug aus La Paz in Bolivien.
Eine unvergessliche Zeit mit neuen Eindrücken und Freunden verbrachte ich in Südamerika und von da ging es noch mit meinen drei besten Freunden nach Ibiza für eine weitere Woche.

Nach den vier Wochen Erholung war ich wieder bereit die Ärmel hochzukrempeln und weiter zu trainieren. 6 Wochen lang trainierte ich täglich in Paderborn an meinem Game und meiner Athletik. Ich wurde für die A2- Nationalmannschaft nominiert und wir spielten zwei Turniere in China und in eins in Italien. Was für eine tolle Erfahrung, in drei Wochen sah ich wieder viel von der Welt und konnte das ganz noch mit dem Basketballspielen verbinden. Ich freue mich auf den nächsten Sommer, denn da steht schon die Universiade mit der A2-Natio auf dem Programm!

Ich sah fünf verschiedenen Ländern, auf zwei Kontinenten, hakte zwei weiteren Weltwunder von meiner Bucketlist ab und verbesserte mein Game in 10 Wochen voller Basketball.

Nach einem weiteren erlebnisreichen Sommer, geht es jetzt also mit den Basketball Löwen Braunschweig in mein drittes Jahr. Verletzungsfrei und so stark wie noch nie freue ich mich auf diese Saison und auf alles was in meinem Basketballleben noch kommen mag. Ich will Deutscher Meister werden, Euroleague spielen und als Leader in jedem meiner Teams vorangehen. Dafür trainiere ich täglich so hart wie es mein Körper zulässt.

Den Körper können wir nur in einem bestimmten Maße kontrollieren, denn bei Verletzungen oder schwere Erkrankungen stößt auch diese Kontrolle an ihre Grenze.
Ich bin mir bewusst, dass ich mich nur auf meinen Verstand verlassen kann.

Den Verstand zu respektieren, ihn zu pflegen und zu trainieren ist eine Aufgabe für das Leben.
Durch eine tägliche Routine aus Philosophie und Meditation, dem lesen von Büchern und/oder hören von Hörbüchern, einem Fernstudium und dem Lernen von Fremdsprachen, versuche ich meinen Verstand täglich weiter auf- und auszubauen.

Am Ende muss man aber immer selbst den Schritt aus seiner Komfortzone heraus machen, um weiter als Persönlichkeit zu wachsen.

Das Leben macht was es will, aber genau das macht es doch aus oder nicht?
Wir können uns nur so gut es geht wappnen und wenn es so weit, das beste aus jeder Situation machen.

Que sera, sera.

Diesen Text habe ich 2018 geschrieben und seitdem ist viel passiert. Hier die Kurzfassung:

Wir haben mit Braunschweig Playoffs gespielt und in den Playoffs habe ich mehr gespielt, als in der Saison. Leider hat es nicht gegen den großen FCBB gereicht und ich konnte mich nicht für weitere BBL Engagements empfehlen.

Aus der Retrospektive aus 2024 ist aber dann genau das richtige passiert: Rodrigo Pastore wollte mich in Chemnitz haben und mit mir und einem starken Team die Mission Aufstieg angehen.

Mit einer maximal dominanten 28-2 Bilanz gab es den direkten, verdienten Aufstieg. Es gab keine Playoffs, denn es kam eine Pandemie dazwischen. Viele Spiele ohne Publikum, 6-Wochen Zwangspause, weil mein Test nicht negativ wurde, sehr hartes Training und eine solide BBL-Saison später, musste ich mir wieder einen neuen Club suchen.

Ich habe in Chemnitz viel gelernt und nun war es Zeit das zu zeigen. Ich bin nach Leverkusen zu Hansi Gnad und meinem besten Kumpel Luca Kahl gewechselt. Dort hatte ich eine Führungsrolle und konnte auch mit Leistung überzeugen.

Wir haben es ins Playoff Halbfinale geschafft und ich habe die Saison mit starken Statistiken abgeschlossen. 10,5 PPG, 3 Assists & 3 Rebounds im Schnitt.

Dannach bekam ich eine cooles Angebot von Gießen und hatte wieder eine Mission: Aufstieg.

Diese Mission versuchen wir bis heute immernoch zu schaffen. 2 mal sind wir leider schon aus den Playoffs geflogen, doch wie sagt man so schön: Alle guten Dinge sind drei oder?

Ich bin gespannt und gebe weiter alles!

Luis

 

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